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Besuch in der Ganztagsschule am Hafen

Bericht der Klasse 10b:

"Am 11. Nov. 2010 hatten wir im Rahmen unseres Gesellschaftsthemas „3. Reich“ Besuch von Peter Petersen, seines Zeichens Mitglied der Zeitzeugen „Gruppe City“. Wir waren unendlich gespannt auf diesen Besuch, weil er einerseits eine willkommene Abwechslung zu unserem Unterricht bedeutete, andererseits aber auch Wissens- und Verständnislücken, die unser Unterricht nur bedingt füllen konnte, verringern helfen sollte.

Leider hatten wir seit der achten Klasse nicht immer die vorgeschriebene Anzahl an Unterrichtsstunden in „Gesellschaft“ haben können. So konnten wir selten in die Tiefe arbeiten, sondern mussten oftmals im „Hauruck-Verfahren“ Wissen anhäufen, um den Lehrplanvorgaben zu genügen. Das bringt nicht immer Spaß – tatsächlich verhindert es vielfach, einen interessegeleiteten Zugang zum Fach zu entwickeln, und der Faktor Freude am Unterricht tendiert gen Null.

Aber nun sollte alles einmal ganz anders und natürlich besser werden. Einer unserer Mitschüler hatte den Kontakt zu den Zeitzeugen aufgebaut. Ein Termin war schnell gefunden, nun mussten noch Fragen von unserer Seite formuliert werden. Unser Erkenntnisinteresse berührte relativ einfach zusammengefasst eher persönliche und emotionale Fragestellungen. Über wichtige Persönlichkeiten, Wege in den Krieg und den Kriegsverlauf selber hatten wir bereits einiges erfahren. Aber wie das Leben im Alltag sich für den Einzelnen darstellte, welche Probleme man hatte, welche Freuden man genießen konnte, welche Empfindungen  und Erkenntnisse oder auch Schicksale das eigene Leben und Denken prägten – darüber wollten wir etwas erfahren. Das konnte kein Buch und auch kein Lehrer leisten.

Und nun saß Peter Petersen also vor uns. Leider ohne Lore Bünger, die wegen Krankheit hatte absagen müssen. Dafür war die Mutter unseres Lehrers, Christine Harder, dabei. Während Herr Petersen bereits 1923 geboren wurde, kam Frau Harder erst 1935 zur Welt. So hatten wir also zwei Vertreter gewonnen, die unsere Fragen aus der Sicht eines damaligen Jugendlichen und sogar erwachsenen Kriegsteilnehmers wie auch aus der des Kindes beantworten konnten.

Kaum vorstellbar, aber Herr Petersen hatte nur wenige hundert Meter von unserer Schule entfernt seine Kindheit und Jugend verbracht. Das war auf jeden Fall schon mal besonders. Von ihm erfuhren wir, wie Familien zerstört wurden. Denn in seiner Verwandtschaft und elterlichen Bekanntschaft hatte es Juden und jüdischstämmige Menschen gegeben. Seine Eltern, zumal sein Vater, hatten dem Nationalsozialismus kritisch gegenüber gestanden. (…) Toll war, dass Herr Petersen seinen Vortrag mit vielen Bildern bereicherte. So erhielt nicht nur sein Vater für uns ein Gesicht, sondern wir konnten sehen, dass man auch zu der Zeit versuchte, dem Leben bei gemeinsamen Unternehmungen, wie zum Beispiel dem Schwimmen gehen, die angenehmen Seiten abgewinnen zu können.

Ebenfalls gut fanden wir, dass Herr Petersen auf unsere Fragen einging und stets versuchte, sie erschöpfend zu beantworten. Gut auch, dass er selber dem Ablauf während dieser  zwei Unterrichtsstunden eine Struktur gab. So verfingen wir uns nicht in immer wiederkehrenden Fragen, sondern hatten selber am Ende auch das befriedigende Gefühl, eine in sich runde Veranstaltung erlebt zu haben.

Frau Harder war für uns natürlich auch deshalb ein besonderer Gast, weil sie die Mutter unseres Lehrers ist. Wann hat man das schon mal. Frau Harder hat den 2.Weltkrieg aus der Sicht eines Kindes erlebt, aber ihre Erinnerungen waren ähnlich beeindruckend und ebenfalls sehr lebendig. Sie wusste vom Feuersturm über Hamburg zu berichten, den sie zwar aus einiger Entfernung miterlebt hatte, der aber deshalb nicht minder beeindruckend auf sie gewirkt haben muss. Sie schilderte zudem die Flüchtlingsströme, die sich anschließend auch über ihr Heimatdorf ergossen und wusste vor allem von einem Hamburgaufenthalt zu berichten, bei dem ihr und der Mutter Madenströme den weiteren Weg in die Stadt unmöglich gemacht hatten. Maden? Na klar, wegen der vielen Toten, die unter den Trümmern lagen. Bei der Vorstellung wurde uns ganz anders. Nicht weniger erkenntnisreich auch ihre Erzählungen zum Beispiel über Kopfvermessungen im Unterricht und die nationalsozialistisch geprägten Aussagen und Verhaltensweisen des Lehrers, der offensichtlich durch und durch Nazi gewesen war.

In der Gesellschaftsstunde nach dem Zeitzeugenbesuch haben wir unsere Eindrücke an der Tafel gesammelt, über das Erlebte nachgedacht und versucht, für uns eine persönliche Lehre zu ziehen: Von Herrn Petersen haben wir vor allem gelernt, dass sich immer wieder Wege auftun, die einem persönlich einen Ausweg aus einer prekären Situation bieten. Auswege werden einem jedoch selten geschenkt. Man muss bereit sein und etwas dafür tun, dass sie ihr Potenzial für einen persönlich öffnen. Und er hat uns gesagt, wie wichtig und überhaupt nicht selbstverständlich es für uns ist, in dieser kriegsfreien Zeit leben zu dürfen. Wir sollen uns das bewusst machen und sie uns zu erhalten versuchen.

Frau Harder hat uns zum Beispiel gezeigt, dass Erlebnisse, Gedanken und Gefühle auch der Kinder ernstgenommen werden müssen. Sie graben sich tief in das Bewusstsein ein und haben großen Einfluss auf die Ausbildung der eigenen Persönlichkeit. Dadurch gewinnen auch unsere eigenen Lebenserfahrungen einen anderen Stellenwert und wir können selbstbewusster auftreten.

Von beiden haben wir erfahren, wie schlimm Krieg sein muss, welches Elend er mit sich bringt und wie sinnlos er ist. Wir wollen deshalb durch unser persönliches Verhalten zu einem besseren Verstehen untereinander beitragen.

Die Erfahrung, Zeitzeugen im Unterricht haben und befragen zu dürfen, war für uns alle bereichernd. Unterricht wird so lebendiger, Geschichte begreifbarer. Wir hoffen, dass Herr Petersen und das gesamte Team der Zeitzeugen noch lange ihrem selbstgewählten Auftrag nachkommen und so möglichst viele Schülerinnen und Schüler nach uns in den Genuss einer solchen Veranstaltung kommen können. Wir bedanken uns sehr für den Besuch."