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Eine Tüte Haumichblau, bitte!“ (1938)

Aus frühester Kindheit entsinne ich mich, dass es vor dem 2. Weltkrieg in den Schaufenstern alles zu sehen gab, was Gaumen und Herz erfreute. Damals wunderte ich mich über den Ausruf meiner Mutter beim Anblick eines großen erleuchteten Schaufensters, eines so genannten Kolonialwarengeschäftes in Berlin-Wedding, einem Bezirk in der Innenstadt: „Oh, sieh nur! Bananen und Apfelsinen und andere Südfrüchte, wie wunderbar“. Das war der erste „Tante Emma-Laden“, den ich bewusst wahrgenommen habe.

Im herrlichen Ferien-Sommer 1939 reiste ich mit meinen Eltern an die Ostsee nach Pommern. Vor unserer Pension befand sich eine Bäckerbude, eigentlich ein Tante-Emma-Laden im Freien, als Blockhaus, eine Art Kiosk mit einem Verkaufsfenster am Gehsteig. Hier gab es die leckersten Backwaren: Mohnschnecken, Amerikaner, Zuckerschnecken, Streuselkuchen. Ein von Wespen umschwärmtes Paradies für Leckermäulchen.

Das änderte sich während des Krieges. Es wurde rationiert und mit Lebensmittelkarten der Mangel verwaltet. Die Tante-Emma-Läden blieben uns erhalten, aber im Vergleich sahen die Schaufenster eher trübe aus.

Beliebt war zu dieser Zeit der Scherz: „Geh’ doch mal ins Geschäft und bringe mir eine Tüte Haumichblau.“ Manch einer ist darauf hereingefallen und das Gelächter blieb nicht aus. Wir holten uns lieber eine Tüte Brausepulver im Süßwarenladen nebenan. Wir schleckten das süße Naschwerk direkt aus dem Handteller.

Als Ältester von drei Kindern holte ich vor Schulbeginn einen Liter Magermilch mit einer Milchkanne beim Milchmann. „Wann gibt es wieder mal Vollmilch für unsere Kinder, Herr Schulze“, so fragten die Mütter und bekamen ein Achselzucken als Antwort. Ich habe meine Mutter oft beim Einholen begleitet und war Ohrenzeuge beim persönlichen Gespräch am Ladentisch. Ob beim Schlachter Sasse oder beim Kolonial- und Drogeriewarenhändler Reichelt – überall ging es ohne viel Hektik zu. Die Preise wurden auf einem Zettel notiert und addiert. Es gab die antiken, silbern glänzenden Registrierkassen, die beim Öffnen des Schubs einen Klingelton erschallen ließen.

In einem unserer Evakuierungsorte, Lissa im Wartheland, erlebte ich einen Tante Emma-Laden „par excelence“. Der Ladentisch und die Schränke waren offenbar aus Eichenholz gefertigt, Glasvitrinen gab es nicht, aber große Gläser mit Glasdeckeln, in denen sich meistens Süßwaren, Bonbons, Vanillestangen usw. befanden. In den großen Schubkästen lagerten Mehl, Zucker, Salz usw. Mit Schaufeln wurden die Lebensmittel in große, spitze, braune Papier-Tüten abgefüllt und auf einer schmucken Waage mit Gewichten ausgewogen, und für den Transport benutzten wir Sisalnetze in verschiedenen Farben. Auf dem Ladentisch stand ein großer, imponierender Zuckerhut.

Ende der 50er Jahre gab es Tante- Emma-Läden noch lange in Hamburg-Eimsbüttel. Als gerade eingeflogener West-Berliner verlangte ich Schrippen beim Bäcker oder Hackepeter beim Schlachter. „Was verlangen Sie, was soll das sein?“, bekam ich zur Antwort. Ich war in Erklärungsnot, aber ich bekam dann, was ich haben wollte.

Am Hamburger Steindamm gab es einen Fleischerladen namens „Fick“. Der Firmen-Name war im Rotlichtviertel St. Georg komisch genug. Noch sonderbarer erschienen mir die weißen Spitzenhäubchen der Verkäuferinnen mit der roten Aufschrift  „Fick“. Mein Lächeln konnte ich mir nicht verkneifen, worauf die Verkäuferin mich fragte: „Lachen Sie mich aus oder an?“ – „Weder noch, ich finde nur den Namenszug auf ihrem Häubchen amüsant“, war meine Antwort. – „Wir können ja nichts dafür, dass unser Chef so heißt!“

Mit Einführung der anonymen Supermärkte, zuerst beherrschten mehr oder weniger die PRO- und Sparmärkte das Terrain, starben die Tante- Emma-Läden mehr und mehr aus. Läden in unserer Nähe versuchten, sich dem Trend anzupassen, indem sie sich der Spar-Kette oder Edeka anschlossen. Dadurch entstand eine Mischform. Das persönliche Verhältnis zu den Kaufleuten blieb aber erhalten. Das Warenangebot war für uns zunächst überwältigend und die Anziehungskraft gewaltig. Längere Wege wurden in Kauf genommen, die Kundschaft war größtenteils motorisiert und das Benzin billig.

Die Älteren ohne Fahrzeug und Mütter mit Kleinkindern gehörten oft zu den Benachteiligten, weil sie nunmehr unbequeme Verkehrsmittel oder hilfswillige Leute in Anspruch nehmen mussten.

Peter Bigos