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Stunde Null in Goslar (1945)

Zunächst war da ein übermäßiges Glücksgefühl. Unserer Familie (die Eltern und drei Kinder) war im Januar 1945 die Flucht aus dem Warthegau geglückt. Wir kamen als die ersten Flüchtlinge in Goslar/Harz bei unseren Verwandten wohlbehalten an. War das schon die Stunde Null?

Ich glaube, bei mir erstreckte sich die Stunde Null über einen Zeitraum von zwei bis drei Monaten. Was war in dieser Zeit geschehen?

Goslar, die Stadt, in der unsere Verwandten lebten und zu denen wir deshalb geflohen waren, hatte unter den Nazis den „Ehrentitel“ Reichsbauernstadt erhalten. Sie besaß ein Bergwerk und einige Industrie. Durch die Straßen wurden von einem Schäfer jeden Morgen Ziegen aus den Häusern abgeholt, auf die Weide getrieben und abends wieder zurück gebracht.

Als Flüchtlinge wurden uns zwei Zimmer im Haus unserer Verwandten freigeräumt. In einem Zimmer, 20 qm groß, standen unsere Betten, ein Tisch und Stühle. Das andere Zimmer, 16 qm groß, wurde als Küche, Waschraum, Toilette und Abstellraum genutzt. Das Positive an den Räumen war, dass sie vom äußeren Flur einen separaten Eingang hatten.

Einmal täglich, abends um 20 Uhr, durften wir uns bei der Familie, die Zimmer an uns abgeben mussten, waschen.

Wir wurden als Flüchtlinge regis­triert. Mein Vater, der schon älter war, wurde als Sanitäter nach Braunschweig eingezogen. Goslar war ausgewiesen als Lazarettstadt. Große, rote Kreuze waren auf den Häuserdächern der Krankenhäuser gemalt, in der Hoffnung, dass die feindlichen Flugzeuge diese sahen.

Dass sich um den 7. oder 8. April 1945 etwas in der Stadt änderte, bemerkte ich daran, dass plötzlich keine Soldaten mehr singend durch die Stadt marschierten. Es war erstaunlich still. Statt dessen gingen Frauen und Männer von Haus zu Haus, um die Bewohner zu veranlassen, die weiße Fahne heraus zu hängen. Das zu tun war sehr gefährlich, denn sich dem Feind zu ergeben, kam Landesverrat gleich und wurde unter Umständen mit dem Tode bestraft. Meine Verwandten wagten diese Entscheidung nicht. Meine Eltern, auch wegen der Kinder, hängten die weiße Fahne heraus Das taten wohl viele Familien. Goslar wurde kampflos dem Feind übergeben.

Bevor die Amerikaner die Stadt eroberten, kam es zu Plünderungen der Bevölkerung. In der Kaiserpfalz lagen Vorräte, Lebensmittel, Bekleidungen etc. Meine Mutter und mein Großvater beteiligten sich an der Plünderung. Sie kamen mit einem großen Stück Schuhsohlenleder nach Hause. Später mussten sie es allerdings wieder abliefern.

Als die Amerikaner Goslar eroberten, stand ich allein vor unserem Haus und sah die Panzer langsam die Straße hinauffahren. Ihre suchend-bewegten Geschützrohre sind mir noch gut in Erinnerung. Niemand war sonst zu sehen. Eine Nachbarin holte mich in das Haus. Die Stunde Null begann.

Kyra Hoyer